Sonntagsworte: Die Kraft, Kraft aufzubringen.

Sonntagsworte: Die Kraft, Kraft aufzubringen.
Mich mit Catcalling auseinander setzen. Irgendwie ist es eine leidige Konstante in meinem Leben geworden. Das alles kostet Kraft. In den heutigen Sonntagsworten geht es um meinen Umgang damit, diese Kraft aufbringen (zu müssen).

Seitdem ich diese Begegnung im Goldhorn hatte, habe ich kein Problem mehr damit, mich gegen Catcaller zu wehren. Warum sollte ich diese ganze Wut runter schlucken, während der Typ seinen Spruch an der nächsten Ecke schon wieder vergessen hat? Schlecht fühle ich mich in der Situation meistens sowieso, also kann ich das auch lautstark artikulieren

Vorgestern kam aber erneut eine Menge Wut in mir hoch. Oder Frust. Oder Schmerz.

Mir ist mal wieder praktisch klar geworden, dass ich jederzeit Typen ausgesetzt bin, die meine Grenzen überschreiten. Schnell kann das Reden, die Blicke und der Versuch mich anzufassen, dazu führen dass ich mich unwohl und bedroht fühle. Und es nervt mich. Denn während ich mich noch Tage später dreckig fühle, hat der Typ das schon wieder vergessen, belästigt vielleicht schon die nächste Frau*.

Es begann mit einem Typen, der scheinbar betrunken bei der Veranstaltung rumtorkelte, auf der ich auch war. Ich performte einen kleinen Text und während alle anderen zuhörten, rief der Typ mir rein. Ohne, dass er mich direkt ansprach, fühlte ich mich unwohl und bedroht. Klar: Packte der Typ kurz darauf einfach mal einer lesenden Frau an den Fuß oder schreckte auch anderweitig nicht davor ab, Menschen einfach anzufassen. Schließlich wollte er auch mich umarmen und sprach mich auf eklige Art und Weise an. Sicherheit? Fehlanzeige.

Weiter ging es mit einem creepy Dude, dessen Geschichte zu lang wäre, um sie hier zu erzählen. Nur so viel: Wer ein „Du überschreitest deine Grenze, ich möchte nichts mehr mit dir zu tun haben“ nicht versteht ist ja schon einerseits merkwürdig. Wenn du diesem Menschen dann noch irgendwo begegnest und förmlich vor ihm davon läufst und er dir dann unverblümt in der Nacht schreibt, dass es schön war, dich mal wiederzusehen, dann kann man sich doch nur an den Kopf fassen.

Diese zwei Erlebnisse führten dazu, dass ich mich eben ärgerte. Wie kann es sein, dass (im ersten Fall) ein wildfremder Mensch es schafft, dass ich mich so unwohl und gar bedroht fühle. Und nein, das hat nichts mit Zimperlichkeit zutun. Im zweiten Fall bin ich einfach nur frustriert und enttäuscht darüber, wie sehr Menschen und speziell hier der Typ weder offensichtliche NEINS, noch Körpersprache verstehen.

Gestern fand dann erneut an eine Konfrontation auf dem Weg zum Supermartk statt. Ein Typ catcallte mich, ich lief direkt auf ihn zu und faltete ihn zusammen. Das komische ist ja, dass er schwarz war und plötzlich völlig rassistisch wurde und Sieg Heil rief. Schließlich lief er mir bis in den Markt nach und faselte etwas davon, dass ich mich weniger schminken solle, da Männer das nicht mögen würden und dass der Umstand, dass ich mich wehrte, von Arroganz zeugte. Mir selbst machte das wenig aus. Ich wurde sauer klar, aber das lässt sich vor allem damit erklären, dass der Typ anscheinend so von seinen patriarchalen Ansichten überzeugt ist, dass es einem die Haare zu Berge stehen lässt.

Unfreiwillig ist Cat Calling zu einem Thema geworden, das mir wehtut und mich schlecht fühlen lässt. Eben weil ich fast jeden Tag damit konfrontiert bin und weil ich wirklich nicht sehe, dass sich das ändern wird. Nur weil ich mich mittlerweile dazu überwinden konnte, mich zu wehren, heißt das nicht, dass es mir weniger nah geht. Ich geh nur anders damit um. Like a boss ass bitch. Aber es kostet trotzdem Kraft. Und aus dem Grund kann ich es mir auch wirklich nicht leisten, mich mit Leuten zu umgeben, die nicht aware sind. Es ist Selbstschutz. Es kostet schon eine Menge Kraft, die blöden Sprüche und Blicke wegzustecken. Da will ich nicht noch vermeindlichen Freund_innen erklären müssen, warum mich das anstrengt oder mich im besten Falle noch vor ihnen rechtfertigen müssen. Zum Glück gibt es niemanden in meinem Freund_innenkreis, der/die nicht empathisch genug ist. Denn Empathie it is. Man muss das nicht erlebt haben, um Verständnis zu zeigen. Oder versuchen Erklärungen zu finden.  So lange ich mich unwohl fühle, ist es so.

Und da liegt es nicht an mir, dass ich

  • „zimperlich bin“
  • „keinen Spaß verstehe“
  • „kurze enge Klamotten trage“.Ich bin wirklich froh, dass all diese Erlebnisse mein Verhalten oder meine Sicht auf Männer nicht beeinträchtigen. Aber nur ein kleiner Move (vor allem in der Öffentlichkeit) und ich gehe in Alarmbereitschaft. Und das traurigste daran ist, dass sich meine Vorbehalte oftmals bestätigen.

    Ich bin stark. Was anderes kommt für mich gar nicht in Frage.
    Aber es macht mich fertig, immer stark sein zu müssen.

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3 Comments

  • Frau von Farbe 23. August 2015 19:47

    Geiler Text, Madame! Ein Mensch muss ja anscheinend nichtmal weiblich sein, um es besser zu wissen. Der beste Beweis dafür wohnt mit mir zusammen.Und es kotzt mich auch an. Warum kann man Leute nicht einfach in Ruhe ihr Ding machen lassen? Warum müssen solche steinzeitlichen Menschen mit Sprüchen und ekelhaftem Verhalten um sich werfen? "Damit sie sich besser fühlen… denk dir nichts dabei." Na danke -.-

  • Romana 24. August 2015 23:41

    Ach Nhi, ich würde mich riesig über ein "gelesen" Kästchen bei den Reaktionen freuen. (Ich kann mich einfach nicht mit den anderen Adjektiven arrangieren) Ich weiß dass es schrecklich ist, dass ich dir nie Kommentare hinterlasse auch wenn ich jeden deiner Post lese. Feedback und Austausch sind so wichtig aber dennoch kann ich mich so selten dazu aufraffen. Dennoch möchte ich dass du weißt dass die Mühe die du in deinen Blog steckst auch beachtet wird! Und zum Thema: Sehe ich haargenau so. Wie immer, gut auf den Punkt gebracht!

  • Nhi Le 24. August 2015 23:43

    Hi Romana!Du verfolgst meinen Blog schon eine ganze Weile und ich bin einfach froh zu wissen, dass du eine meiner Stamm-Leserinen bist. Und mit deinem Kommentar weiß ich ja jetzt, dass du öfters hier bist und freue mich auch immer wieder darüber, etwas von dir zu lesen! Du bist dem Kommentarfeld ja nicht verpflichtet – von daher danke ich dir einfach für diese Worte und freue mich, dass du gerne hier bist. Ganz liebe Grüße!

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