Boy don’t touch my Pizza.

Boy don’t touch my Pizza.
Oder: Es ist eben nicht egal.

Pizzeria 1 Diese Pizzeria habe ich während meiner Anfangszeit in Leipzig oft besucht. Beim ersten Mal war ich alleine dort und der ältere Mitarbeiter fragte seinen jüngeren Mitarbeiter, ob ich nicht etwas für ihn sei. Ich war sehr verdattert, da er das in meiner Hörweite sagte und ich ja keine Ware bin, die man einfach bewerten kann. Danach besuchte ich den Laden mit meinem Freund, Sprüche blieben aus. Der nächste Pizza-Hunger kam kurz darauf und ich wollte es nochmal versuchen. Der Mann vom ersten Mal bemerkte sofort, dass ich alleine unterwegs war und fragte, wo mein Freund sei und wann man damit rechnen könnte, dass ich Single bin. Diese Aussage war anders als das „Na wäre sie was für dich?“ und nervte mich gehörig, doch sonderlich schlagfertig reagierte ich nicht. Statt den Typen seine Grenzen aufzuzeigen, holte ich einfach meine Pizza und bin seitdem nicht mehr hingegangen.

Pizzeria 2
Am Liebsten esse ich eigentlich hier. Die Mitarbeiter, die auch wirklich zum Laden gehören sind super nette Dudes, stets zuvorkommend und höflich. An jenem Tag war jemand dort, von dem ich hoffe, dass es eine einmalige Aushilfe war. Anfangs stellte er die obligatorische „Schmeckt es?“-Frage, als er an mir vorbei ging und war auf Witze aus. Beim Bezahlen fragte er, ob er mich mal öfters sehen würde und ich antwortete zögerlich, denn eigentlich war da ja nichts dabei, selbst wenn es etwas merkwürdig war. Komisch wurde es erst, als ich den Laden verließ und leider bestätigte sich mein Gefühl, dass der Mann komisch war. Ich lief Richtung Bahn und er rannte mir hinterher. Er rief, dass ich stehen bleiben sollte, doch ich reagierte mal wieder nur zögerlich und lief weiter. Als ich sagte, dass ich zur Tram müsse, rannte er ein Stück weiter in meine Richtung und schrie, dass er mich auch mit dem Auto nach Hause fahren könne. Das war der Punkt, an dem ich mich ziemlich schlecht fühlte, da ich mir die Schuld für diese Situation gab. Ich fragte mich, ob ich zu nett gewesen war, ob ich vielleicht auch noch Zeichen sendete, die er missverstand und kam auf keinen befriedigenden Schluss.

Pizza ist eine Sache, mit der ich durchaus nur Positives assoziiere. Wenn ich aber an die beiden Pizza-Läden denke, dann werde ich frustriert. Das sind ganz alltägliche Orte, an denen ich essen und eine gute Zeit haben will, aber die jeweiligen Mitarbeiter versauen mir den Besuch dort. Es ist egal wie gut es dort schmeckt, wenn ich im Hinterkopf haben muss, dass gleich ein doofer Kommentar kommen könnte und mir somit der Appetit vergeht. Und dann kommt der Punkt, an dem ich mir denken will, dass es doch egal sei.

Der Typ labert mich dumm an.
Ist doch egal.
Mir wird hinterher gepfiffen.
Ist doch egal.
Die ganze Zeit starrt mich jemand lüstern an.
Ist doch egal.

Doch das ist es eben nicht.
Die Pizzerias stehen in diesem Artikel eigentlich nur für alltägliche Orte, die durch Catcalling und dumme Sprüche zu Plätzen wurden, die ich nicht mehr besuchen möchte. Alltagssituationen werden negativ aufgeladen, weil man sich bewusst wird, dass man als Frau*  Kommentaren und Reaktionen einfach ausgesetzt ist.

Ich erzähle euch davon, um einerseits zu zeigen, dass solche Phänomene nicht selten sind und andererseits, weil ich mir endlich vornehme mich zu wehren – und das laut. Denn diese Vorkommnisse sind eben NICHT EGAL. Man fühlt sich danach schlecht. Vorwürfe machen sich breit.

Vor ein paar Tagen war ich mit Freundinnen tanzen, ein Typ hat uns permanent bedrängt. Das hat mich so sauer gemacht, dass ich ihm eine geknallt habe, aber ihm machte das nicht viel aus. Wir bewegten uns in eine andere Ecke des Raumes, doch der Typ war ja immer noch da. Ich hab mir gedacht, dass es nicht schon wieder egal sein könne, denn ich fühlte mich wirklich unwohl und schließlich wurde er auch handgreiflich. Die Ohrfeige war befreiend, aber das änderte nichts daran, dass er kurz darauf wieder bei uns stand und aufdringlich wurde. Schließlich handelten wir. Wir ließen diesen Trottel rausschmeißen und zum ersten Mal wehrte ich mich richtig, hatte das Gefühl, eine konsequente Entscheidung getroffen zu haben.

Das war gut.

Ich habe keine Lust mehr von sexistischen Erlebnissen zu berichten und meine Erzählungen immer damit abzuschließen, dass ich mich nicht zur Wehr gesetzt habe. Natürlich gibt es Situationen, in denen man einfach nur rennen sollte, aber wenn es um alltägliche Orte geht, so wie es zum Beispiel bei einer Pizzeria der Fall ist, dann hilft es, den Mund aufzumachen.

Wirklich.

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7 Comments

  • Lina 15. Februar 2015 21:24

    You go, girl!
    Und ich finde, wenn einmal der Knoten geplatzt ist, dann fällt das sich zur Wehr setzen die nächsten Male leichter.

  • Frau von Farbe 16. Februar 2015 22:02

    Der Post ist wirklich gut geschrieben, liebe Nhi. Der Inhalt jedoch macht mich traurig und wütend. Ich fühle mit dir und finde es ganz toll, dass du solche Dinge nicht mehr hinnehmen willst.

  • Nhi Le 16. Februar 2015 22:02

    Danke Claudi <3

  • Nhi Le 16. Februar 2015 22:09

    Hey Lina!
    Da liegst du goldrichtig. Bin jetzt auch "mutiger".

  • Anonym 2. Juni 2015 19:49

    Ich fühle mit dir. Und genau deshalb ist Feminismus (für mich) so wichtig und bedeutend: Seitdem ich mich damit beschäftige, merke ich, wie sehr es mich stärkt. Ich habe endlich einen Grund gefunden für (einige) meiner individuellen Probleme. Die eigentlich nicht individuell sind.
    Weil ich jetzt weiß, dass es nicht meine Schuld ist und ich nicht alleine bin, kann ich mich endlich wehren.

  • Nhi Le 2. Juni 2015 19:50

    Hallo Anon!

    Danke für deinen Kommentar, der wirklich bestärkend ist und vielleicht eine Geschichte erzählt, die ich mir öfters zu hören wünsche. Bleib stark und trau dich, dich zu wehren.

    <3 Nhi

  • Trackback: Sonntagsworte: Die Kraft, Kraft aufzubringen. – Nhi Le

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