Ein kleiner Moment der Verzweiflung und ein großes Danke

Ein kleiner Moment der Verzweiflung und ein großes Danke

Wenn die Gesellschaft nach rechts rückt, ein Großteil nur zusieht oder Beifall klatscht, dann ist es wichtig denen „Danke“ zu sagen, die sich gegen den Rechtsruck engagieren.


Normalerweise klicke ich mich jeden Tag durch meine Twitter-Timeline, um das neueste Lokal-Geschehen mitzubekommen. Nachrichten aus der Nähe tagein tagaus. Ich mache das nicht, weil ich wissen will, welches Hotel als nächstes am Leipziger Innenstadtring eröffnet, sondern weil ich in Sachsen wohne und so zynisch wie es klingt, hier fast jeden Tag rassistische oder andere diskriminierende Ereignisse passieren.

Im Jahr 2015 stieg rechte Gewalt rasant an, mit 1031 Angriffen auf Geflüchtetenunterkünfte ein Anstieg um 854 Taten im Vergleich zum Vorjahr. Ich weiß noch, wie ich gehofft habe, dass wir uns an solche Nachrichten nicht gewöhnen würden. Doch gesellschaftlich scheint man sich kaum mehr dafür zu interessieren.
„Ist halt so“ gesellt sich zu „Ist mir egal“. Jene, die sich über derartige Vorfälle informieren, sind ernüchtert, keinesfalls überrascht. Auch wenn der gesellschaftliche Zustand der Grund für eine Menge Frust ist, kann man nicht 24/7 wütend sein. Verzweiflung macht sich breit, wenn man allein daran denkt, was in den letzten Wochen passiert ist: Kurz will die EU-Außengrenzen weiter abschotten, indem er von einer Kooperation der „Achse der Willigen zwischen Rom-Berlin-Wien“ spricht, Italiens Innenminister will Sinti und Roma zählen lassen, an der US-Grenze wurden Kinder von ihren Familien getrennt. Und das waren nur Meldungen aus dem Ausland. Würde man sich allein die Gründe für den Unionstreit oder die Zugeständnisse an Seehofer anschauen, würde das reichen, um aus dem Kopfschütteln nicht rauszukommen. Seit Anfang des Jahres sind mehr als 1400 Geflüchtete im Mittelmeer ertunken. Die aktuelle Kriminalisierung der Seenotrettung ist eine Entwicklung, die mit besonders viel Wut und teilweise Ohnmachtsgefühl zurücklässt.

Manchmal zieht man sich für ein paar Tage zurück, macht eine Pause von „Polit-Kram“, zweifelt, nur um dann doch weiterzumachen, weil es ja auch gar keine Alternative gibt.

 

Danke an Organisationen, Journalist*innen, Politiker*innen, antifaschistische Gruppen und Einzelpersonen
Ich möchte mit diesem Text „Danke“ an alle sagen, die sich dagegen engagieren.
Danke an alle, die dem gesellschaftlichen Rechtsruck nicht mit einem Schulterzucken begegnen – an Organisationen, Journalist*innen, Politiker*innen, antifaschistische Gruppen und Einzelpersonen. Aktivismus in diesen Bereichen ist kein Zuckerschlecken. Das war es noch nie und vor allem Antifaschist*innen wie auch Politiker*innen wissen wie es ist, permanent Bedrohungen und Angriffen von rechts ausgesetzt zu sein.
Erst letzten Monat wurden antifaschistische Aktivist*innen in Salzwedel bei einer Demo von einem Neonazi mit dem Auto angefahren Einige Wochen später wurde das AZ „Kim Hubert“ in Salzwedel mitten in der Nacht in einer organisierten Aktion von Neonazis angegriffen. Einrichtug wurde zerstört und die Bewohner*innen mit Pfefferspray attackiert.

Auch Journalist*innen befinden sich zunehmend in einer bedrohlichen Lage, vor allem wenn es darum geht, Recherchen oder  Berichte über Rechtsradikale und Nazistrukturen, zu veröffentlichen. Laut „Reporter ohne Grenzen“ hat sich die Situation dahingehend entwickelt, dass Journalist*innen Bedrohungen gegen sich selbst aber auch gegen die Familie ausgesetzt sind. Auch wenn man es gerne verneinen würde, diese Haltung ist längst gesellschaftsfähig. Das zeigt sich beispielsweise daran, wie und von wem leichtfüßig Begriffe wie „Lügenpresse“ oder „Systempresse“ verwendet werden – ein Indikator für das wachsende Misstrauen und die Feindlichkeit gegenüber Medienschaffenden.

 

Danke an Alltagsheld*innen
Zivilcourage muss nicht nur in der Öffentlichkeit gezeigt werden, schließlich ereignen sich Konfrontationen fast überall. Gerade im Alltag hat man oftmals keine Kraft, sich einer Auseinandersetzung zu stellen, doch ich möchte dazu ermutigen, sich zu äußern. Sei es der Arbeitskollege mit einem diskriminierenden Kommentar oder die Tante, die etwas Abfälliges bei der Familienfeier ausposaunt. Ich selbst habe von vielen starken Menschen Techniken und Gegenstrategien gelernt. Auch wenn manche Diskussion zwecklos scheint, ist es besser zu sagen, dass man derartige Aussagen nicht duldet, statt sie zu „überhören“ und somit zu billigen.

Danke also auch an Alltagshelden und -heldinnen, die sich in so kleinen, schnell übersehenen Situationen stark machen. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn alle so handeln würden. Doch wäre das der Fall, dann würden wir uns wahrscheinlich erst gar nicht in der Ausgangsposition befinden.

Foto: PM Cheung – danke!
Artikel erschien in ursprünglicher und kürzerer Form beim Couragiert Magazin

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