Stadtgefühle – eine Blogparade.

Stadtgefühle – eine Blogparade.

Lina von notes to herself hat zur Blogparade aufgerufen. Hier ist mein Beitrag dazu.



Ursprüglich wollte ich über die Städte schreiben, mit denen ich in meinem Leben etwas verbinden, aber manchmal kommen ja doch spontane Veränderungen und keine dieser „anderen“ Städte sind mir so wichtig wie Leipzig.

Lina hat ihrem Aufruf einen kleinen Leitfaden hinzugefügt. Beim Lesen fiel mir auf, dass ich ja schon einmal über das Gefühl in Leipzig angekommen zu sein geschrieben habe – nämlich in einem Slamtext. In „Mit dir macht es in der Uni am Meisten Spaß“ geht es auch um mein erstes Semester, denn das Studium ist ja einer der Hauptgründe, warum ich nun eigentlich hier bin. Vor allem ist der Text aber auch für meine großartigen Freundinnen geschrieben, die ich ebenfalls beim Studium kennenlernte und die erst so richtig für die Zuhause-Stimmung in Leipzig sorgen. Es kommt eben alles zusammen.
Also dann:
 
Mit dir macht es in der Uni am meisten Spaß

2,40 ein Fahrschein, 1 € der Eintritt, 5€ die Mensa.
Hallo, mein Name ist Nhi und ich studiere hier, weil ich die Bandbreite der Möglichkeiten interessant finde. Vorstellungsrunden, die Hölle der aufgezwungenen Kommunikation. „Warum sagst du immer Schirm? Das kling total komisch, alle hier sagen Schörm.“ Haha.
„Kann man auch nur die Gitterkartoffeln nehmen?“ „Das weeß ich och nich.“ Der Mann in der Mensa sächselt und ich versteh‘ ihn trotzdem ganz gut, es gibt unglaublich viel zu essen, es ist unglaublich voll, der Typ dahinten hat unglaublich viele Nudeln auf dem Tablett. „Vielleicht sollten wir demnächst nicht um 13 Uhr in die Mensa gehen, das machen wohl alle.“ „Ach quatsch, in der Uni ist es doch immer voll – oder?“ 2013, erstes Semester und alles ist neu. Vor jeder Vorlesung heißt es „Hallo wir sind von Mephisto, hallo wir sind von AISEC, hallo hast du über ein Auslandssemester nachgedacht?“ Sorry, ich muss erstmal das erste schaffen. Der Prof empfiehlt zig Bücher und ich kaufe jedes einzelne, trage mich in alle Online-Kurse ein und hefte meine Notizen nach jeder Vorlesung ab. In der Facebook-Gruppe wird man zu Partys eingeladen und ich gehe hin. Man sagt Studenten machen das so.
Doch zwischen Nachtcafés und fremden Leuten schmeckt Club Mate trotzdem schlecht, die Feierlaune künstlich, jeder tut als sei sie echt und zu mieser Musik mag ich nicht tanzen, komm lass uns weiter gehen, die Stadt hat mehr als diese Straße, ich will am Liebsten alles sehen – wir haben verschiedene Gründe in Leipzig zu sein.

Einmal Waldi, einmal MB, einmal Absturz.

„Bist du neu in hier?“ „Ja!“ „Trinkst du einen mit mir?“ „Nee sorry, ich trinke keinen Alkohol, aber ich kann was normales trinken.“ „Naja dann nicht, du hast du mal ne Kippe?“ „Sorry ich rauch auch nicht.“ „Oh voll gesund. LOL.“
Das erste Semester ist zum Feiern da sagt man immer, aber warum zum Teufel sind wir zur Ersti-Party der Wirtschaftswissenschaftler gegangen, achso kostenloser Eintritt. Nach vier, fünf Nächten haben wir dann festgestellt, dass hartes Feiern nicht so unser Ding ist und schwenkten um auf Pizza-Partys. Cocktails auf einer Couch schlürfen geht aber auch noch klar.

Neues Rathaus, Offen für alle, Thomanerchor.

„Können Sie ein Foto von mir machen, sodass es aussieht als hätte ich den Rathausturm in der Hand?“ Tut mir leid, ich mache sehr schlechte Fotos und muss auch schnell weiter. Es ist so voll wie an Weihnachtsmarkttagen und Touristenhass macht sich in mir breit. Im Breuninger-Schaufenster sagt mein Spiegelbild, dass mir Großstadtarroganz ganz gut steht. „Hier soll mal ein Primark eröffnet werden“ ruft das Mädchen freudig ihrer Freundin zu. „Hoffentlich gibt es auf dem Markt noch Hortensien“ denke ich und drängel die beiden zur Seite.
Wir haben verschiedene Gründe in Leipzig zu sein.

Samstags Feinkost, Film in der Passage, Sonntags Karaoke.
„Flohmarkthauptstadt“ sage ich und grinse. Wir steigen am Südplatz aus und du trinkst ein Lipz. Wir können essen oder ins Kino gehen, uns in den Park legen oder Boot fahren, aber bitte nicht schon wieder shoppen.
Lauf einfach los oder lass dich treiben, mach tausend Dinge oder lass es bleiben. Man sagte mir, dass alles geht und gar nichts muss.
Wir haben verschiedene Gründe in Leipzig zu sein.

Südvorstadt, Plagwitz, Connewitz

In Leipzig in keinem Altbau zu wohnen, ist als würde man am Meer leben und das Wasser niemals sehen. So viel Drama verträgt doch kein Mensch. Ich habe keinen Stuck und keine hohen Decken und trotzdem geht es mir okay. Wenn ich Lust habe all sowas zu sehen, dann kann ich immer noch mit der Tram durch die Stadt. Niemand hindert mich daran irgendwann mal umzuziehen, die Häuser hier sagen nicht, dass sie auf dich warten, aber auch nicht, dass man sich beeilen muss.
Du sagst hier sei es besser als in Berlin, doch da hab ich nie gewohnt, du schwärmst von einer Miete, die den Geldbeutel schont und sogar die New York Times reiht sich ein in den Hype und das ist der Grund, warum du gerne hier bleibst.
Du und ich – wir haben verschiedene Gründe in Leipzig zu sein.

Ein paar Karls, nur eine Rosa, einige Wilhelms, einer besonders.
Die Petersstraße ist lang und ich alleine unterwegs. Die Heimwegmusik klingt jeden Abend anders, nur die Lichter bleiben gleich. Ich kann keinen einzigen Akkord auf der Gitarre spielen, aber er schon. Er und die ganzen anderen Leute, die hier jeden Tag stehen. Ich lächel‘ nur kurz und laufe weiter und bin zu Hause.

Zu Hause das sind gut 22 Quadratmeter, immer noch kein Altbau,
aber man kommt klar. Mama fragt, warum die Wände hier so schief seien. „Das Haus wurde von Azubis gebaut“ sagte die Vermieterin einst und die Garderobe fällt von der Wand als würde sie sagen wollen, dass hier nur noch „Kleben statt Bohren“ hilft.
Der Aufzug kommt langsam, aber er kommt und ich habe kein schlechtes Gewissen, dass ich nicht aus dem dritten Stock nach unten laufe. Ein letztes Mal rausgehen für den heutigen Abend und der Weg zur Bahn scheint immer anders. Ich hab die Zeit unterschätzt und bin schon wieder zu spät. Das war ich im ersten Semester nie, aber inzwischen bin ich im dritten und da gönnt man sich eben ein bisschen mehr. Die Gebäude neben mir werden angestrahlt und sehen majestätisch aus.

Ja diese Stadt beeindruckt mit Lichtern auf tausenden Strecken, versteckt ihre Schätze hinter tausenden Ecken und lässt dich gehen, wann immer du gehst, weil sie weiß, dass du auch zurückkehrst. Und ein zu Hause ist nicht der Ort, an dem du wohnst, sondern der, den du so schnell nicht vergisst, ein Platz in einer Stadt, den man nach einem Tag vermisst und sicher werden noch zig andere Städte in mein Leben treten, doch im Moment wird’s für mich erstmal nur Leipzig geben.

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