Gastbeitrag – Pretty Hurts.

Gastbeitrag – Pretty Hurts.
Heute gibt es den ersten Gastbeitrag von strawberryelmo. Der folgende Text ist bereits auf ihrem Blog erschienen.

Wenn ich in den Spiegel schaue, dann sehe ich mich so lange an, bis ich Worte für das gefunden habe, was da vor mir steht.
Meine Nase ist zu breit und zu lang.
Meine Haare sehen aus wie Stroh.
Meine Augenbrauen sind unfassbar asymmetrisch.
Mein Bauch ist nicht flach genug. Meine Waden sind dicker als die von Männern.
Meine Oberschenkel sehen aus, als wäre die Bezeichnung „morbidly obese“ nur für sie erfunden worden.

Ich starre dieses Wesen eine Weile an, nehme mein Maßband zur Hand und messe meinen Oberschenkelumfang. Genau so wie gestern. Gut. Ich habe also nicht zugenommen. Seit ich 15 bin, lege ich mir jeden Tag, mit erhöhtem Puls und beschleunigtem Atem, ein Maßband an mein Bein, hoffend, dass der Umfang sich nicht vergrößert hat. Mit der Zeit habe ich jedoch eingesehen, dass die meisten Körperideale, die uns die Medien verklickern, eine komplette Perversion der Natur sind und sich objektiv gesehen jenseits von „schön“ und „gesund“ befinden.

Vogue says, ’Thinner is better’

Schön = dünn. Dünn = schön. Es ist scheinbar verboten, Mode an Menschen zu präsentieren, die einen größeren BMI als 16 haben und das ist sehr sehr traurig. Denn ein normaler BMI liegt so zwischen 18 und 24, d.h. bei durchschnittlich 21 und den habe ich. Aber ich sehe zu dick aus. Ich sehe zu dick aus, obwohl ich Größe S trage, weil ich eben nicht 1,80m groß bin sondern 20cm kleiner. Seitdem ich Medizin studiere und im Krankenhaus Praktika gemacht, Anatomiebücher angeschaut und Patienten untersucht habe, weiß ich, wie “normale” Menschen aussehen. Und ich finde sie schön.
Ich kenne die Risiken, die Adipositas und starke Unterernährung mit sich bringen und weiß, dass statistisch gesehen das richtige Mittelmaß am förderlichsten für die Gesundheit ist. Aber diese Statistiken haben für den Einzelnen nicht zwingend etwas zu sagen und auch nichts darüber, ob ein Mensch als “schön” empfunden wird.
Mal ganz abgesehen davon: Wir sind viel viel mehr als Maßzahlen und medizinische Fakten.
Daher schaue ich nicht mehr fern. Ich kann mir die Perversion des menschlichen Geschmacks nicht antun, weil er ein einziges Bild zum Ideal erhebt und so viele Frauenköpfe infiltriert, da sie nicht damit übereinstimmen. Viele denken, das unnatürliche Ideal reiche bereits für die Entstehung einer Essstörung. Tut es aber nicht. Ich hatte selbst eine und weiß, wie das ist. Natürlich strebt man danach, super super dünn zu sein, um wie ein Model oder eine Schauspielerin auszusehen, aber die Gründe für diese oberflächlichen Wünsche sind weitaus tiefgründiger. Essstörungen treten meist bei Personen mit relativ hohen Bildungsstatus auf, die sehr hohe Ansprüche an sich selbst haben und ihre Angst davor, zu versagen oder Schwäche zu zeigen auf körperlicher Ebene ausleben. Es ist also nicht das einfache Streben nach einem Schönheitsideal. Aber ich bin mir sicher, dass es viel weniger Menschen mit Essstörungen geben würde, wenn wir nicht solche Ideale hätten.
Kleiner Tipp: Schaut euch mal Filme aus den 90ern an, darin treten eine Menge schöner Menschen auf, aber sie sind nicht so extrem idealisiert wie heute. Bring the 90ies back!

TV says ‚Bigger is better‘ 

Die Idee, dass die perfekte Frau ruhig Kurven haben sollte, ist auch irgendwie paradox. Damit meint man meistens Kurven an Po und Busen, aber einen flachen Bauch mit einem zu erahnenden Sixpack sollte man auch sehen können. Ich hatte letztens 2 kg abgenommen. Meine BH’s sind mir alle zu groß und ich musste eine Woche lang eine Größe kleiner tragen, obwohl mir meine Hosen noch passten. Mittlerweile sind die Kilos wieder drauf. Wenn das mal nicht deprimierend ist. Also beides.
Jedenfalls kann man als Frau nicht großartig kontrollieren, ob man an der Brust Fett abbaut oder nicht und es ist eher unwahrscheinlich, dass jemand sehr schlank ist und große Brüste hat. Übrigens habe ich in diesem Semester gelernt, dass die Größe der Brust nichts über ihre Effizienz bei der Muttermilchherstellung aussagt. Die unterschiedlichen Größen sind verschiedenen Mengen von Fett- und Bindegewebe geschuldet. Die „normale“, gesunde Frau muss also keinen großen Busen haben!
A propos Studium – hier kommt noch ein medizinischer Fakt: Frauen benötigen viel mehr Fett an ihrem Körper, da die Fettzellen an der Regulation des weiblichen Hormonspiegels beteiligt sind, ergo auch an der Ausbildung der Weiblichkeitsmerkmale. Das verdeutlicht wiederum, dass ein schlanker Bauch und große Rundungen ober- und unterhalb davon eher eine Seltenheit sind.

Fazit

Die Schönheitsideale der Gesellschaft entsprechen dem, was nur ein Bruchteil der Menschen dieser Gesellschaft ist (sein kann?) und werden überbewertet. ABER DAS WUSSTET IHR SCHON. Macht einfach mal eure Fernseher aus, eure Modezeitschriften zu und die Tür zu euren Gefühlen auf. Es kommt ganz darauf an, wie ihr euch fühlt. Es kommt auf die Gesundheit an. Nicht auf Size Zero und Körbchengröße F oder ein Nicki Minaj Booty. Nicht jeder kann jede x-beliebige Körperform annehmen. Und obwohl man einige Dinge durch Training und Ernährung verändern kann, so muss man ab einem bestimmten Punkt immer irgendetwas hinnehmen, was man nicht beeinflussen kann und das ist okay, denn die meisten Makel empfindet nur man selbst als schlimm.
Ich lasse mich nicht dazu motivieren, Größe „Nichts“ sein zu wollen. Ich wache auf und schaue mich im Spiegel an und finde mich zu fett. Und dann denke ich daran, dass mein BMI sehr normal ist und dass ich mich nicht stressen muss und dass ich das ändern kann, wenn ich heute Abend joggen gehe und im Endeffekt gehe ich vielleicht joggen oder auch nicht und gönne mir ein geiles Stück Kuchen oder auch nicht.
Vogue says, ’Thinner is better’. But I got more issues than VOGUE.

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