Slam: Unterschätz U20 nicht.

Am Mittwoch startet die dritte eigenständige deutschsprachige U20 Meisterschaft im Poetry Slam in Regensburg. Passend zum Thema U20 möchte ich etwas loswerden, das mich schon länger beschäftigt.

Mit 17 habe ich angefangen zu slammen. Das Ganze begann mit einem Workshop und rollte dann an, sodass ich nach kurzer Zeit in ganz Thüringen unterwegs war. AIDA, mein damaliger Slam Master und auch Mensch, den ich unabhängig davon schätze, hat mich nie großartig als U20erin bezeichnet, sondern als Slammerin – ganz ohne Label davor. So kam es also, dass ich in diesen Kreisen nie mit einem Vorurteil konfrontiert wurde, sondern eben gleichwertig auf der Bühne stand.

Nach meinem Umzug nach Leipzig entschieden sich Leonie Warnke und ich dazu, einen eigenen U20 Slam, nämlich Sprachaktiv, zu veranstalten, um eine lokale Szene zu etablieren, zu vernetzen und zu stärken. Jede_r Veranstalter_in, weiß wieviel Arbeit man in sein Slam Baby steckt und wir haben das Glück, einen großartigen Verein, nämlich livelyrix, hinter uns zu wissen. Neun Sprachaktiv Slams liegen seit der Gründung hinter uns, letzten Monat haben wir die erste Sächsische U20 Meisterschaft ausgetragen. Dass unser Format sich in der Stadt nicht von jetzt auf gleich etablierte, wussten wir auch, aber im Zuge von Werbeaktionen und Orga, habe ich immer wieder mitbekommen, was für Vorurteile Leute, gegen das Format U20 haben.

Nach einem Sprachaktiv kam eine Frau (ich schätze sie auf Ende 20) zu mir und war hellauf begeistert, dass die jungen Menschen sich so viele tolle Gedanken machen würden und ja gar nicht über „sinnlosen“ Kram reden würden. Ja hallo, was hat sie denn erwartet. Gerade zwischen 16 und 20 verändert man sich ständig, hat Zweifel und denkt über Gott und die Welt, aber auch vor allem über sich selbst nach. Mit ein bisschen Talent wird das dann textlich gut verpackt. Die Fähigkeit, sich anständig zu artikulieren und dabei noch ein Publikum zu begeistern, entwickelt sich doch nicht erst nach der Quarter-Life-Crisis.

Und hier sind wir auch beim Problem: Junge Poeten und Poetinnen werden in ihrem Können unterschätzt, es wird ihnen nicht zugetraut, „gute“ Texte zu schreiben, die Inhalte seien naiv und träumerisch. Dass die meisten U20er_innen eher zwischen 17 und 20 als zwischen 14 und 16 Jahre alt sind, wird dann oft nicht beachtet. Arrogant kommt es mir vor, wenn man jungen Menschen nicht zugesteht, geistreiche, witzige, emotionale und kluge Texte zu schreiben und sie stattdessen unter dem U20 Label in eine Schublade steckt.
Natürlich gibt es auch Texte, die weniger begeistern, aber mir kann niemand erzählen, dass das Ü20ern nicht genau so passieren kann. Dann hat das weniger mit dem Alter, sondern eher etwas mit der Anfängerphase zu tun und letztlich spielt auch die Bühnenerfahrung eine Rolle. Hier zu generalisieren wäre Quatsch.
Wenn man merkt, dass ein junger Slammer oder eine Slammerin Bock hat, dann ist man als Slam Master eben auch ein bisschen in Verantwortung, die Person zu pushen, ihr Tipps und auch Kritik zu geben. Denn Gebashe und Verurteilen hat nicht besonders viel mit Nachwuchsarbeit zu tun. Im Gegenteil – wo kämen wir hin, wenn wir Menschen, die sich zwar auf die Bühne trauen, aber dennoch unsicher sind, nicht Ernst nehmen würden. Achso ja. Da gäb es gar keinen Nachwuchs mehr.

Bezüglich des Wettbewerbs, ist spätestens seit der „Genertion Kiel“ bekannt, dass U20er_innen genau so mit den „Großen“ mithalten können. Denn vor allem die, die in Kiel im Finale waren, fand man kurz darauf in den krassesten Line-Ups wieder.

Zugegeben, ich verstehe, dass es bestimmte Vorbehalte gibt. Als ich letztes Jahr zum U20.14 in Berlin war, habe ich viele junge Menschen kennengelernt, denen es wirklich wichtig war, zu gewinnen. Gar verbissen sind sie an den Wettbewerb gegangen, statt die gute Zeit zu genießen. Da wurde sich damit gebrüstet, schon mal mit einem Slammer im Backstage zu sitzen, dessen Videos auf YouTube zu finden sind oder es wurde gefragt, wen man denn schon fast besiegt hätte. Ja natürlich nervt das, aber solch ehrgeizige Personen stehen nicht für einen ganzen Haufen Menschen, die vielleicht nichts gemeinsam haben, außer, dass sie eben nicht älter als 20 sind und Bock auf Bühnenliteratur haben.

Sowohl als Veranstalterin, als auch als Slammerin ist es also enttäuschend zu sehen, dass U20er_innen nicht ernst genommen werden. Sei es von Seiten des Publikums oder auch von älteren Slammer_innen.  Ich würde mir die Einsicht wünschen, dass ein Text gut sein. Egal ob er aus dem Mund eines Teenagers oder eines Mittdreißigers kommt.

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