Im Interview mit Jennifer Rostock.

Im Interview mit Jennifer Rostock.

Letzten Monat haben Jennifer Rostock ihr neues Album „Genau in diesem Ton“ veröffentlicht. Ich traf Jennifer, Joe und Christoph zum Interview.

Als ich die Bestätigung für das Interview bekam, kam natürlich eine Menge Aufregung. Jennifer Rostock war die erste Band die ich von Anfang an verfolgt hatte, erstes Konzert ever 2008, zehn Konzerte insgesamt – puh. Zwar hatte ich die Band schon vorher getroffen, aber eben nie in so einem offiziellen Rahmen. Für das Interview hatte ich also eine Menge Fragen zusammengestellt. Themenschwerpunkte: Hater, Schubladen, Feminismus und Songwriting.
Die Kurzversion des Interviews wurde im aktuellen ZeitPunkt Magazin veröffentlicht.

Bands kommen und gehen. Als ihr 2008 gestartet habt, wollte man euch als NDW-Rockband beschreiben. Seid ihr mit dem fünften Album Labels entkommen?

Joe: Ich glaube, dass man einem Label nie wirklich entkommen wird. Wenn man über Musik schreibt, wie will man das anders machen als mit irgendwelchen Kategorien? Ich glaub, dass den Leuten bewusster geworden ist, dass es eine Bandbreite in unserer Musik gibt und man das nicht als NDW-Revival abstempeln kann. Da steckt mehr dahinter.

Christoph: Manchmal muss man ja auch selbst in einem Wort erklären, was das ist. Da gibt es Leute, die das gar nicht kennen oder wenn man im Ausland ist. Dann heißt es: „Was macht ihr so für Musik?“ und dann hm –

Joe: Naja, es ist eben Musik, auf die wir Bock haben, das kann man sagen und dann hört es auch schon wieder auf. Wir haben deutsche Texte!

Christoph: Es landen dann manche auch bei Pop-Rock, wobei, das das schlimmste Wort ist, das es gibt.

Jennifer: Wobei es auch schon Pop-Rock ist.

Joe: Es ist schon irgendwie Pop-Musik, aber auch mit Gitarren.

Jennifer: Aber auch mit Keyboard und mit ein bisschen Rap und ein bisschen Schreien. Das ist schon eher schwierig.

"Es stellt sich ja schon die Frage, ob man als Band aus der eigenen Meinungsblase rauskommt." - Joe über politische Messages

Politische Messages gab es bei JR schon immer. Das ist mal „Nazis raus, Schwanz rein“, mal ein AfD-Song. Denkt ihr, dass ihr die Leute erreicht, die man erreichen will oder bleibt man meist doch in einer Blase?

Joe: Es stellt sich ja schon die Frage, ob man als Band aus der eigenen Meinungsblase rauskommt. Bei einem Konzert erreichen wir eben unsere Fans, die vor der Bühne stehen. Da wissen aber auch schon die meisten wie wir ticken. Die würden nicht kommen, wären sie komplett anders drauf. Spannend wird es bei so Sachen wie dem AfD-Song, der viral gegangen ist. Da haben wir gemerkt, dass es so oft geteilt wurde, dass auch andere Menschen erreicht wurden. Wir haben uns aber auch gefragt, ob das wirklich ankommt oder die sich nur auf den Schlips getreten fühlen.

Christoph: Ich denke, dass das innerhalb deren Meinungsblase auch geteilt, aber völlig anders rezipiert wird. Dann heißt es vielleicht: „Guck mal, was ist das für eine Scheiße, die lügt doch!“

Jennifer: Dann fühlen sie sich noch eher angestachelt. Vielleicht kommt da sowas wie: „Wenn so eine Schlampe das singt, dann fühl ich mich gerade noch mehr angestachelt!“

Christoph: Wenn wir nur 23 Leute erreicht haben, dann ist das schon toll.

Joe: Deshalb haben wir es aber auch genau so formuliert. Es ging nicht darum zu sagen, dass die AfD scheiße ist und fertig. Vielleicht hat es auf diese Art und Weise jemanden erreicht, der z.B. noch geschwankt hat.

Hattet ihr ein Erlebnis, bei dem jemand sagte, durch euch nun andere Sichtweisen zu haben?

Jennifer: Ich erinnere mich an jemanden, der zu uns kam, als wir einen DJ-Gig hatten. Es war jemand, der Frei.Wild gehört hat und auch dazu stand. Er sagte dann: „Dadurch dass bei euch mal so ein Shitstorm war, habe ich mich mehr mit den Texten und Hintergründen beschäftigt und hör das nicht mehr.“ Der hat dann gemerkt, dass die Band überhaupt nicht cool ist.

Christoph: Man erreicht wahrscheinlich mehr Leute, als man denkt. Das Problem ist, dass der Gegenwind aber immer lauter als der Rückenwind ist.

Shitstorms sind etwas, das sowohl Jennifer, als auch die ganze Band aushalten muss. Ihr seid daran gewöhnt, lest kaum noch Kommentare, aber überrascht es euch dennoch, wenn vermeintliche Fans sich als Rassisten oder Sexisten entpuppen?

Jennifer: Das sind nicht unsere Fans! Wir haben es bei Shitstorms schon oft erlebt, dass Leute unsere Seite liken und die dann wieder verschwinden. Man hat immer das Gefühl, dass diese Leute unsere Fans seien, aber das stimmt nicht. Die Leute, die uns gut finden, die lassen einen Like da und das war’s. Die, die sich aufregen und kommentieren, die machen den ganzen Aufruhr. Das was man im Internet sieht entspricht nicht der Realität und deswegen ziehen wir uns das nicht mehr so krass rein. Nur auf ganz krasse Sachen reagieren wir mal, aber geblockt haben wir noch nie jemanden. Das kann dann ruhig stehen bleiben.

Christoph: Was Grenzen überschreitet kann man ja melden.

"Ich war schon immer ziemlich offen und auf der Bühne leicht bekleidet, aber früher hab ich das weniger wahr genommen, weil es mich auch weniger interessiert hat." - Jennifer über Sexismus

Jennifer, lass uns kurz über Frauenpower sprechen. Als Frau, die offen und positiv mit ihrem Körper umgeht, zeigt sich dir besonders oft die sexistische Doppelmoral. Reduzierung auf der einen Seite, Slut Shaming auf der anderen. Kommentare über die Haarfarbe, Tattoos, Piercings. Leider sind das Zustände, denen man als Frau auch immer wieder ausgesetzt ist. Wie bewältigst du das?

Jennifer: Ich denke, dass ich damit ganz gut klarkomme. Ich war schon immer ziemlich offen und auf der Bühne leicht bekleidet, aber früher hab ich das weniger wahr genommen, weil es mich auch weniger interessiert hat. Diese Stimmen dagegen waren einfach nicht so laut. Je bekannter man wird, desto lauter werden die aber und dann muss man sich vermeintlich rechtfertigen, aber ich mach das einfach nicht. Ich bin nie dazu geworden, sondern war schon immer so und möchte auch nicht für oder gegen etwas stehen. Ich gehe einfach auf die Bühne und mach mein Ding.

Joe: In den letzten Jahren ist uns aber schon bewusst geworden, dass viel Kritik anders aussehen würde, wenn Jennifer keine Frau wäre. Diskussionen würden anders laufen und das war auch der Grund, warum wir das Thema Feminismus aufs Album genommen haben.

Jennifer: Man merkt auch, dass in Interviews zum Beispiel die Themen anders wären, wenn ich ein Typ wäre. Da könnt ich natürlich auf die Bühne gehen und mein Shirt ausziehen, aber so heißt es: „Das kann ich mir nicht angucken, die fasst sich eh nur an die Muschi und mehr kann die nicht.“ Ich glaube, dass diese Thematik in den letzten Jahren etwas zu kurz kam bei uns und deshalb auf dem neuen Album mehr angesprochen wird. Wir haben drüber nachgedacht, wie man als Frau aufwächst, was man für Vorbilder hat, wie Frauen sein müssen und was sie zu machen haben. Da sind dann auch die Songs „Hengstin“ und „Silikon gegen Sexismus“ entstanden und ich bin froh, dass es die gibt.

Ich muss zugeben, dass ich damals etwas erschrocken war, als du auf deiner persönlichen Seite ein Feminismus-kritisches Video gepostet hast. Mittlerweile scheint sich das ja geändert zu haben.

Jennifer: Ich hab dann viel mit Joe drüber gesprochen und lange wahrscheinlich viele Strömungen nicht verstanden. Ich fand den Begriff irgendwie veraltet und es wurde für vieles gekämpft, was für uns mittlerweile selbstverständlich ist, weil sich die Gesellschaft verändert hat. Frauen haben viel geschafft und jetzt muss um viele andere Sachen gekämpft. Ich muss schon sagen, dass der Joe mich überzeugt hat, Feministin zu sein. Obwohl ich immer genau das dachte und für das gleiche kämpfe, wofür Feminismus steht.

Ich selbst fand immer, dass du bspw. durch Selflove ein tolles Vorbild bist.

Jennifer: Ja eben, ich war schon immer so, aber Feminismus war dann eben doch fern. Ich hab dann eben verstanden, dass ich für die gleichen Sachen kämpfe, offen mit meinem Körper umgehe, für Gleichberechtigung bin usw. Das gehört doch alles zum Thema dazu!

Junge Musikerinnen orientieren sich an dir. Wie siehst du dich in dieser Rolle?

Jennifer: Es ist immer schwierig, wenn es um Vorbilder geht.

Christoph: Der Begriff ist eben auch schwierig. Vorbild ist ja nicht immer was Moralisches.

Jennifer: Ich denke, dass sich Mädels an vielen Dingen orientieren können, weil ich sie gut mache. Es gibt aber auch Dinge, da würde ich sagen: „Das war nicht so der Wahnsinn“ und allgemein ist es als öffentliche Person schwer, einem Bild gerecht zu werden und das will ich auch gar nicht. Ich bin so wie ich bin, ich hab meine Macken und so ist das ja.

Denkst du, dass du immer auf das Krawall-Image reduziert wirst?

Jennifer: Ich glaube, dass das wieder dieses Schubladen-Denken ist. Ich treffe oft Leute, die uns scheiße finden, weil sie uns mal vor Jahren gesehen haben. Ich weiß dann nicht mehr was war, aber Leute hören sich unsere Musik nicht mehr an, weil es anders ist als 2008. 2008 fanden sie uns aber scheiße, weil sie irgendwas gelesen haben. Wir haben eine wahnsinnige Entwicklung gemacht und haben auch Scheiße gemacht. Den Plattenvertrag haben wir mit 18 bekommen, da war auch vieles total anders und jetzt ist es eben so. Das sehen viele Leute aber nicht: Man entwickelt sich, wird älter und legt Wert auf andere Dinge als früher.

" Früher wurden wir von vielen als gecastete Krawall-Band wahrgenommen, aber dadurch, dass wir uns auch lange gehalten haben, haben sich mehr Leute damit beschäftigt." - Joe über Außenwahrnehmung

Jennifer Rostock, das ist nicht nur die Musik, sondern das sind metaphorische Texte, Wortspiele usw. Habt ihr das Gefühl, dass das beim Trubel zwischen politischen Statements oder einer starken Frontfrau in der Öffentlichkeit untergeht?

Joe: Mittlerweile geht es, früher ging es sehr unter.

Jennifer: Ich find es geht immer noch unter. (Zu Joe). Hast du schon einen Preis dafür bekommen, dass du der geilste Texter Deutschlands bist? (lacht).

Joe: Wir waren immerhin schon zweimal nominiert. – Also ich finde, dass es besser geworden ist und wir mehr Beachtung dafür bekommen, wie aber auch viele andere Sachen mehr Beachtung bekommen. Früher wurden wir von vielen als gecastete Krawall-Band wahrgenommen, aber dadurch, dass wir uns auch lange gehalten haben, haben sich mehr Leute damit beschäftigt.

Jennifer: Ich denke auch, dass die Texte unter Fans mehr Beachtung bekommen.

„Wenn man uns nicht kennt, ist es leicht uns zu hassen“ heißt es in Neider machen Leute. Der Song erinnert mich am Anfang an „Mein Mikrofon“ und auch in diesem Lied geht es um den Umgang mit Gegenwind oder Vorschriften. Hat sich in den vielen Jahren Bandgeschichten etwas an den Erwartungen von außen geändert?

Joe: Die Zeile beschreibt ja auch das, was wir eben schon besprochen haben. Wir werden schnell abgestempelt, weil Leute uns mal vor Jahren gehört haben, weil Leute denken, Jennifer zeigt nur ihre Brüste oder sonst was. Aber auch das ist über die Jahre besser geworden und Leute nehmen uns ernster. Trotzdem ist es natürlich so, dass viele festgefahren sind. Früher hat uns das beschäftigt und heute halt nicht mehr. Wir bekommen unsere Konzerte voll, haben unsere Fans und wenn Leute uns ignorieren oder abstempeln wollen, sollen sie es eben.

Ihr habt gesagt, dass das neue Album etwas von der Melancholie der Vorgänger weggeht. In Sachen Sound probiert ihr ja immer wieder etwas neues. Entstehen Schrei-Elemente wie bei „I love you but I’ve chosen Dispo“ spontan oder wird geplant, dass jetzt was Neues hermuss?

Jennifer: Was Neues ergibt sich schon so. Wir stehen ja auf Brüche und haben den Song angefangen, da war der eher ruhig. Dann haben wir uns gefragt, was wäre, wenn ich mal so rumschreien würde – haben es gemacht und es war super. Wir haben nicht beschlossen von der Melancholie wegzugehen. Es ist eben ein Album und kein Ist-Zustand, man arbeitet dran. Wir sind ja aber im Endeffekt keine melancholische „Heute ist schon wieder alles scheiße“-Band, sondern mehr Faust hoch, laut sein.

Joe: Das ergibt sich aber auch viel durch die Themen. Da haben wir viel drüber gesprochen, was wir aussagen wollen. Dadurch war es auch musikalisch klar und wurde mehr „auf die Schnauze“. Vieles entstand im Proberaum, in der Vorproduktion und wir hatten einfach Laune auf 240 bpm aufwärts, schnell, laut und weird.

Abschließende Frage: Berlin taucht als Thema immer wieder in den Texten auf. Ist euer Wohnort auch eure Inspirationsquelle?

Joe: Sowohl für uns als Musiker als auch als Menschen, glaube ich, dass Berlin unsere absolute Heimat ist, mit der wir glücklich sind. Keiner kann sich vorstellen, jetzt bald wegzuziehen, wir fühlen uns Wohl und genießen das, was die Stadt zu bieten hat. Die Vielfalt und die Freiheit, in der man leben kann, finden wir gut.

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