Ich bin ein unglaublicher Game of Thrones Fan und vor allem seitdem die Serie sich von den Büchern gelöst hat, gehen mir nach jeder Folge eine Menge Gedanken zum Thema durch den Kopf (s/o an Björn Gögge und den wöchentlichen Austausch). Deshalb nun eine Besprechung der weiblichen Figuren.

Es hat eine Weile gedauert, bis ich eine Struktur in dieses Posting bringen konnte. Der Staffel-Entwicklung entsprechend, habe ich mich dazu entschieden, die wichtigsten Frauenfiguren zu besprechen, meine Fragen zu formulieren und passende Theorien anzufügen.
Also Achtung – Spoiler- und Emotionen-Alarm! Das Lesen ergibt eigentlich nur dann Sinn, wenn man auf dem aktuellsten Stand ist.

Arya Stark
Fangen wir mit etwas Fragwürdigem an: Ich hatte so viel Hoffnung in ihre Storyline im House of Black and White. Nachdem sie zig mal verkloppt wurde und sich nichts bewegte, habe ich schon gar nicht mehr an eine Weiterentwicklung geglaubt. Dann kam Knackpunkt S6E8 – die Szenen, die Fans zu wilden Theoretiker*innen werden ließen und was sprach nicht alles dafür!
Aryas seltsames Verhalten und Auftreten, der Wurf mit der rechten Hand, obwohl sie Linkshänderin ist, das lange Verweilen auf der Brücke, das Fehlen von Needle, die Tatsache, dass sie das Gesicht der alten Dame bereits in der fünften Staffel gesehen hat – mein Gott. Das alles sollten keine Filmfehler, sondern Indizien sein. Indizien dafür, dass Jaqen Arya in disguise war (meine liebste Theorie), the Waif und Arya eine Person sind oder dass das ganze Manöver von langer Hand geplant war. Die Vorschau für S6E9 verursachte durch eine vor der Waif fliehende Arya nur noch mehr Hoffnung auf letztgenanntes. In S6E8 sah man dann wie Lady Crane die geschwächte Stark-Tochter verband und mit Mohnblumensaft versorgte. Es kam wie es kommen musste, Waif tötete Crane auf unnötig brutale Art und jagte daraufhin Arya, die trotz Verletzung und Sturz in den Kanal einen krassen Parcours hinlegte. Auch ihr darauffolgender Triumph über ihre (gesunde!) Rivalin ist mehr als unglaubwürdig. Ich hab da mal eine Frage: WAS SOLL Das DENN? Einerseits ist es unmöglich, nach derartigen Verletzungen, einer Suppe und einem Nickerchen zu überleben und kämpfen zu können, andererseits verstehe ich die untypischen Continuity-Fehler einfach nicht. Duh.
Umso mehr hat es mich dann gefreut, als Arya in S6E10 in den Twins war. Die Hoffnung darauf war sehr leise, da ich nicht damit rechnete, dass sie so schnell nach Westeros kommt, doch die vielen Einstellungen auf die Kellnerin, ließen einiges erahnen. Unglaublich, wie man „lernt“ GoT zu schauen. Dass Arya Luther und Black Walder zu Pasteten verarbeite war eine wunderbare Anspielung auf die Geschichte des Rat Cooks, welche ja über drei Staffeln Hoffnung machte, dass Walder Frey noch seine Strafe bekommt. Arya hat sich als Killerin nun mehr und mehr einer „dunklen Seite“ zugewandt und eine Menge weibliche Figuren tun es ihr gleich.

Sansa Stark
Es ist unglaublich, wie diese Serie es schafft, weniger gemochte Figuren in Lieblinge zu verwandeln. Sansa ist so ein Fall und ihre Entwicklung lässt sich am ehesten auf das Prinzip der Heldenreise anwenden. Ich war sehr gespannt, da sie in den Büchern nicht nach Winterfell gebracht wird und dieser Strang also komplett neu für die Serie geschrieben wurde.
Bedingt durch die grausame Ehe und Zeit mit Ramsay, aber auch Erlebnisse aus vorigen Staffeln, ist sie längst nicht mehr das kleine naive Mädchen, sondern zeigt Stärke vor allem in dieser Konfrontation mit Ramsay. Ich frage mich nur, was genau dahinter steckt, dass sie den Aufruf an Littlefinger verheimlicht hat und hoffe arg, dass sie nicht schwanger ist. Dafür spicht, dass sie zig mal vergewaltigt wurde und Ramsay im letzten Dialog „You can’t kill me. I’m a part of you now“ sagte. Ich bin froh, dass Sansa Ramsay erledigt hat und ihr Bruder ihr diese Rache nicht „weggenommen“ hat.
In der letzten Episode der Staffel schien sie zuerst glücklich über Jons „Krönung“, aber dieser Blickwechsel zwischen ihr und Littlefinger beunruhigt mich etwas, da hier entweder der kommende Konflikt zwischen ihr und Jon angedeutet werden könnte, schließlich könnte auch sie Warden bzw. Queen werden oder ihr ist es einfach nicht geheuer, dass Littlefinger mit in Winterfell ist.
EDIT: Auf Twitter fragte jemand, warum ich mich nicht darüber empöre, dass Sansa erst nach den Vergewaltigungen so fierce geworden ist bzw. warum es für ihre Emanzipatione erst eine Vergewaltigung brauchte. Natürlich bin ich kein Fan ihres Schicksals unter Ramsay. Im Gefüge der Show war das ab der Hochzeit aber leider abzusehen. Allerdings denke ich nicht, dass Sansa erst dadurch gewachsen ist. Sansa ist ebenso geprägt durch die furchtbare Zeit in King’s Landing und schon dort war sie tapfer, lernte mit Situationen umzugehen usw. In Winterfell zeigte sie vor allem in dieser Szene Stärke, als sie sich von Myranda nicht beeindrucken ließ oder als sie hier feststellte, dass die Schwangerschaft Waldas Ramsay missfiel.

Margaery Tyrell
Oh Gott ist das schade. Diesen blöden unerwarteten Tod hat Margaery nicht verdient, andererseits denke ich mir, dass Danaerys sie nach ihrer Invasion als Frau des Usurpator-Sohnes wohl kaum verschont hätte. Margaery war eine der besten Spielerinnen und ist es auch während der 6. Staffel geblieben.
Kurz hatte ich Angst, sie sei durch die Gefangenschaft ebenfalls fanatisch geworden, doch selbst im Kerker beweiste sie gegenüber Cersei noch Stärke, war für ihren Bruder da und spielte sogar die Gläubige. In vielen Punkten ähnelt sie Cersei. Beide wollen noch mehr Macht, beiden ist die Familie enorm wichtig, das zeigte sich auch, als Margaery ihre Oma nach Highgarden zurückschickte.
Das was Margaery aber besonders machte, war die Kombi aus Charme, Intelligenz und Manipulations-Vermögen. Bis auf Olennas „Hilfe“ bei der Tötung Joffreys, hat sie nie Hilfe gebraucht, sondern ist fast schon pragmatisch vorgegangen, um voran zu kommen. In ihrer Figur lässt sich der Stereotyp der Verführerisch/Charmanten (z.B. mit Joffrey oder Tommen) wiederfinden. Aber sie war eben mehr als das, schließlich konnte sie ganz ohne Sexualität den High Sparrow hinters Licht führen und merkte auch als einzige, dass alle in der Sept of Baelor in Gefahr waren.

Cersei Lannister
Wo wir gerade bei Cersei waren: Ich hätte es viel lieber gehabt, wenn Margaery weitergelebt hätte, aber nach Ramsays Tod braucht man eben einen neuen Villain. Cersei ist die Mad Queen, doch wer kann es ihr nach dem Tod ihrer drei Kinder verübeln? Für Tommens Tod ist sie natürlich voll und ganz selbst Schuld. Dieser Teil der Prophezeiung ist also wahr und ich frage mich, ob sie jetzt noch am Inkrafttreten des Rests zweifelt.
Ohne ihre Kinder, welche durch die inzestuöse Herkunft immer eine Gefahr für Cersei waren, hat sie jegliche Skrupel verloren. Ihre Herrschaft wird sicher nicht lange dauern, schließlich hat das Volk, über das sie herrscht, sie letzte Staffel beim Walk of Shame erst übel gedemütigt. Fest steht, dass für Cersei die Starks im Norden ein Dorn im Auge sein werden. Vielleicht ist ja auch Sansa, die „another, younger and more beautiful  to cast you down and take all that you hold dear” ist. Was ist Cersei eigentlich noch lieb? Jamie nach diesem Blickwechsel sicher nicht. Ich persönlich hoffe ja, dass er sich als Valonqar aus der Prophezeiung ja umbringt.

Olenna Tyrell
Am Ende ist Olenna die Retterin des Tages. Fans lieben sie für ihre Scharfzüngigkeit, ihre Intrigen und Humor und das zurecht! Sie ist eines der weiblichen Oberhäupter eines großen Hauses (das jetzt eigentlich ausgelöscht ist), welches im Game auch wirkliche Relevanz hat und nie zögert, ihre Macht auszuspielen. Mit Margaery bildete sie ein Power-Duo und auch aus diesem Grund hätte ich gern gesehen, was Margaery aus der Schule der Queen of Thorns noch mitnimmt. In S6E10 hat sie die Sand Snakes nicht nur brillant abgefertigt, Olenna bleibt auch in ihrer starken Figur, indem sie (zumindest in der Szene) wenig um ihre Familie trauert und sich stattdessen auf Rache an Cersei konzentriert.

Daenerys Targaryen
In der 6. Staffel hatte Dany ein paar schöne Szenen, die vorige Handlungen spiegelten. Sei es eine Situation, in der über sie hergezogen wird und sie die Sprache trotzdem versteht wie mit Kraznys mo Nakloz oder ihre Rede, die stark an Drogos erinnerte und sogar ein paar Elemente davon enthielt. Sie ist eine starke Persönlichkeit, doch nerven mich diese „Drogon-rettet-mich-in-letzter-Sekunde“-Szenen.
In Vaes Dothrak hat sie das Patriarchat förmlich verbrannt, was mir an sich gut gefiel. Im Netz kritisierten allerdings viele, dass die Dothraki, also viele Nicht-Weiße, sich vor einer weißen Heldin verbeugten, die meinte, ein Heer besser führen zu können, als jene die schon Erfahrung damit haben (also die Khals). Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, denn nur weil jemand etwas schon lange in Tradition tat, heißt es nicht, dass es gut war. Man denke nur mal an den Ritus der Vergewaltigung als Sieg der Dothraki. Hier wäre es nur konsequent, wenn Daenerys dieses Verhalten verbieten würde (was Yara noch vor sich hat), Frauen auch reiten ließen usw. Doch wahrscheinlich ist es nicht Danys Ziel die patriarchalen und (EDIT: trotz der Huldigung der Dosh Khaleen) mysogenen Strukturen der Dothraki aufzubrechen, was schade ist, aber Dany ist eben eine starke Frau, was nicht synonym mit starker Feministin ist. Davon ab bin ich aber auf ihre Entwicklung in Westeros gespannt, es hat ja auch lang genug gedauert. Mit Tyrion hat sie jedenfalls eine tolle Hand.
Die Trope der white saviour, also einer weißen Figur, die den People of Colour aus ihrer Misere hilft, wird an Dany übrigens schon länger bemängelt. Dafür spricht schließlich ihre Herrschaft in Meeren und die Abschaffung der Sklaverei, eine Idee, auf die die Meerener anscheinend nie gekommen wären.

Brienne of Tarth
Brienne war eine der ersten offensichtlich starken Frauenfiguren der Serie. Ihre Stärke zeigt sich wortwörtlich und nicht wie sonst öfters zu sehen, durch klug eingesetzte Sexualität. Man könnte also bemängeln, dass Brienne stark ist, weil sie im Grunde Verhaltensweisen zeigt, die typisch männlich konnotiert sind. Dem würde ich nicht zwangsläufig nachgehen, da sich für mich ihre Stärke durch ihre bedingungslose Loyalität zeigt. Sie handelt für Sansa, ganz nach ihrem Schwur. Aus diesem Grund finde ich es auch albern, dass man sagt, dass sie weder mit Tormund noch mit Jamie zusammenkommen sollte, da sie schon „ganz allein“ eine starke Frau sei. Starksein und in einer Beziehung sein widersprechen sich nicht. Es stellt sich eben nur die Frage, ob Brienne auf so etwas Lust hat. Bei einem möglichen Konflikt zwischen Sansa und Jon wäre sie aber vorerst mit politisch agieren beschäftigt, statt mit Tormund und Netflix.

Melisandre
Die Enttäuschung, dass Stannis Baratheon nicht der Azor Ahai war, scheint tief in ihr zu stecken. Auch wenn sie zwischendurch Jon zurückbrachte, starrt sie eigentlich nur noch vor sich her. Die einstig feurige Frau (sorry), die eine Menge Macht über Stannis und all seine Entscheidungen hatte, ist Vergangenheit. Ihre Verwundbarkeit wurde in S6E1 offenbart, als man sah, dass sie eigentlich schon mehr als 400 Jahre alt ist. Ihre Entwicklung ist gegensätzlich zu der, der meisten Frauen in der Serie. Statt kämpferisch in die Zukunft zu schauen, scheint sie recht hoffnungslos zu sein. Mit der Verbannung durch Jon frage ich mich, welche Rolle sie noch spielen wird. Zumindest reitet sie nach Süden, wo auch Arya irgendwo sein müsste. Nach eigener Aussage müssten sie sich noch einmal treffen und könnte es zumindest dieses Mal nicht versäumen, einer/einem Stark zu sagen, dass die Geschwister noch leben.

Yara Greyjoy
Yara ist ein weiterer Beweis für die vielfältigen Frauenfiguren. Sie hat natürlich den Salt Throne verdient, die Iron Men waren dafür wohl leider noch nicht bereit oder sind einfach dumm. Wahrscheinlich sind die meisten einfach dumm, sich von Euron, der übrigens im Exil war, da er die Frau seines Bruders verführt und vergewaltigt haben soll, kaschen zu lassen. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Beziehung zwischen ihr und Dany entwickelt.

Lyanna Mormot
So eine tolle Figur! Kein Wunder, dass Lyanna mit ihrer Art und Weitsicht House Mormont führt. Jede ihrer Szenen war bisher ausdrucksstark und von Bedeutung, egal ob sie was gesagt hat oder nicht. Ansonsten: „If she had three dragons, the show would have ended two seasons ago.“

Das war also die Besprechung. Mit Cersei (Queen), Daenerys (Queen to be), Yara (Salt Throne), Olenna (Queen of Thornes) und Sansa (Queen in the North to be) könnte ein War of the five Queens zustande kommen. Aus Zeitgründen lasse ich Missandei, Meera und Gilly aus, die Sand Snakes sind einerseits doof und haben andererseits kaum Charakterentwicklung (Ellaria will Rache und bringt dafür den Bruder ihres Liebhabers um? Aha.) Fakt ist, dass die Frauen in GoT immer wichtiger werden und keine der Besprochenen nennenswert von einem Mann abhängig ist. Jede vorgestellte Figur geht ihren Zielen und Motiven nach, naja außer Melisandre jetzt vielleicht. Ich bin gespannt auf die neuen Staffeln.

Anmerkungen und so weiter (Spoiler für Nicht-Buchleser*innen ab dem Absatz).
In dieser Staffel wurden sowohl vier große Häuser (Baratheon und Martell), als auch zwei Spezies, die COTF und Riesen, ausgelöscht. Da Margaerys Geschwister, genauso wie Trystanes nicht in der Serie zu sehen waren, gehe ich davon aus, dass auch die Tyrells ausgelöscht sind. EDIT: Mit Ramsay sind auch die Boltons ausgelöscht.
Der langersehnte Hound und auch die Brotherhood without Banners sind wieder im Game.
Als ich Berric Dondarrion sah, war mir aber klar, dass der Lady Stoneheart-Strang wohl nicht mehr zustande kommen wird, es sei denn, es passiert onscreen in der folgenden Staffel.

Artikelbild: HBO

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